industrielle Revolution


industrielle Revolution
I
industrielle Revolution
 
»Industrielle Revolution« bezeichnet die Phase der Industrialisierung in Europa und Nordamerika, in der sich die Lebens- und Produktionsbedingungen der Menschen und ihre Lebensräume in einem bis dahin unbekannten Ausmaß veränderten und die seit Menschengedenken agrarisch geprägte Gesellschaft sich in wenigen Jahrzehnten zur Industriegesellschaft wandelte. Das atemberaubende Tempo, mit dem sich diese Entwicklung vollzog, sowie die fundamentalen Auswirkungen auf alle Lebensbereiche haben dazu geführt, diesen Umwälzungsprozess als »industrielle Revolution« zu bezeichnen.
 
Der Vorgang der Industrialisierung begann in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Großbritannien. Als führende Seemacht der Welt verfügte das Inselreich über einen weit größeren wirtschaftspolitischen Handlungsspielraum als die Staaten des Kontinents. Diesen Vorsprung gegenüber dem Festland galt es zu erhalten. Dabei mussten die Briten den durch die Unabhängigkeit der nordamerikanischen Kolonien erlittenen Verlust so rasch wie möglich auszugleichen suchen. Zugleich musste die britische Sonderstellung gegenüber den Ambitionen des napoleonischen Frankreich verteidigt werden, das mit der Kontinentalsperre die Wirtschaftsmacht Großbritanniens bedrohte.
 
Zu Hilfe kamen den Briten die bahnbrechenden Erfindungen der letzten Jahrzehnte des ausgehenden Jahrhunderts, die in britischen Forschungsstätten »erdacht« und erprobt worden waren: voran James Watts Dampfmaschine (1769), ferner Hargreaves' und Arkwrights Spinnmaschine (1768 bzw. 1769) und Cartwrights mechanischer Webstuhl (1785). Mit der Nutzbarmachung dieser Erfindungen in einer mechanisierten Textilherstellung bildeten sich erste Großunternehmen. Die intensive Nutzung der heimischen Kohle zur Erzeugung von Dampfkraft hatte einen rapiden Anstieg der Steinkohlengewinnung zur Folge.
 
Erst nach dem Ende der Napoleonischen Kriege sprang der Prozess der Industrialisierung auf den europäischen Kontinent über, zuerst nach Belgien, den Niederlanden und nach Frankreich.
 
Inzwischen beschleunigte sich die Industrialisierung in England durch die Revolutionierung des Verkehrswesens, ausgelöst durch die Erfindung der Dampfeisenbahn. 1803/04 wurde die erste Dampflokomotive gebaut, 1825 die erste Eisenbahnstrecke zwischen Stockton und Darlington eröffnet. Schon 1850 existierte in Europa (einschließlich Großbritanniens) ein Eisenbahnnetz von 23 500 km, in Amerika von 15 100 km. Der in diesen Zahlen zum Ausdruck kommende rasche Ausbau des Eisenbahnnetzes, der sich bis 1870 auf 372 000 km nahezu verzehnfachte, war mit einem ungeheuren Bedarf an Stahl, Eisen und Kohle verbunden und führte zum raschen Aufbau einer florierenden Metall- und Maschinenbauindustrie.
 
Diese vehemente Industrialisierung veränderte die bisher dörflich-agrarische Landschaft grundlegend. Industriestandorte entstanden überall dort, wo Rohstoffe lagerten, oft fernab von Städten, an Flüssen oder an günstigen Verkehrswegen. Arbeiterstädte schossen aus dem Boden, dörfliche Gegenden wandelten sich zu unkontrolliert wachsenden Industrierevieren, so in Mittelengland, in Belgien und Nordfrankreich, an Rhein und Ruhr sowie im sächsisch-schlesischen Raum.
II
industriẹlle Revolution,
 
von F. Engels und L. A. Blanqui im frühen 19. Jahrhundert geprägter Begriff, der von dem britischen Sozialreformer A. T. Toynbee übernommen wurde und seine heutige Bedeutung zur Kennzeichnung der Phase beschleunigter technologischer, ökonomischer und sozialer Veränderungen gewann, die seit etwa 1785 in Großbritannien, später in anderen westeuropäischen Staaten, in Nordamerika und Japan einsetzte und den Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft markiert (Industrialisierung, »Maschinenzeitalter«); Beginn des industriellen Zeitalters.
 
Am gründlichsten ist die industrielle Revolution am Beispiel Großbritanniens untersucht worden. Zu ihren vielfältigen Voraussetzungen gehören: technische Erneuerung des Produktionsapparats, gesteigerte Akkumulation liquiden Kapitals, steigendes Arbeitsangebot. Die industrielle Revolution begann mit der Einführung der Maschinen in der Textilindustrie, dehnte sich auf die Eisenbearbeitung und den Bergbau aus und ging seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Hand in Hand mit der Revolutionierung des Verkehrswesens (Eisenbahn, Dampfschiff). Industriegebiete entstanden in Schottland, Mittelengland, Nordostfrankreich, Norditalien, Rheinland und Westfalen, Oberschlesien, Südwest-Deutschland, im Nordosten der USA u. a. Die Siedlungsordnung (Entstehung von Großstädten) und die soziale Struktur der europäischen Völker wurden durch die Herausbildung einer von starken Spannungen erfüllten Industriegesellschaft grundlegend verändert. Während letztlich durch die industrielle Revolution der Anstoß zur Beseitigung der Massenarmut gegeben wurde und das reale Pro-Kopf-Einkommen stieg, entstanden andererseits neue Gegensätze zwischen Bürgertum und Arbeiterklasse (Arbeiterbewegung, Kapitalismus).
 
In der Geistesgeschichte sind von der industriellen Revolution und der aus ihr entstandenen sozialen Frage entscheidende Anstöße zur kritischen Gesellschaftsphilosophie und zur modernen Kulturkritik ausgegangen. Die Frage, in welchem Maß die Erfahrungen der Industrieländer auf Entwicklungsländer übertragbar sind, hat der Erforschung der Ursachen der industriellen Revolution eine neue aktuelle Bedeutung gegeben.
 
Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde im Zusammenhang mit der Automatisierung oft von einer »zweiten«, mit Bezug auf die Mikroprozessoren auch von einer »dritten industriellen Revolution« gesprochen; gegen Ende des 20. Jahrhunderts haben, zuerst in den USA und Japan, Prozesse weitgehender Veränderungen begonnen, die (begleitet von Vorgängen zunehmender Globalisierung) als Übergang zur postindustriellen Gesellschaft (Informationsgesellschaft) gedeutet werden. - Umstritten ist, ob mit der industriellen Revolution eine »Erderwärmung« durch erhöhte Emissionen von Kohlendioxid einsetzte (Klimaänderungen).
 
 
Europ. Wirtschaftsgesch., hg. v. K. Borchardt, Bd. 3 u. Bd. 4 (a. d. Engl., 1976—77);
 
Die Entwicklung der industriellen Gesellschaften, bearb. v. B. M. Biucchi u. a. (a. d. Engl., 1977);
 
Quellen zur Gesch. der i. R., hg. v. W. Treue u. a. (21979);
 G. Hesse: Die Entstehung industrialisierter Volkswirtschaften (1982);
 D. S. Landes: Der entfesselte Prometheus. Technolog. Wandel u. industrielle Entwicklung in W-Europa von 1750 bis zur Gegenwart (a. d. Engl., Neuausg. 1983);
 H. Pfahlmann: Die i. R. (81985);
 Die Fabrik. Gesch. von Arbeit u. Industrialisierung in Dtl., hg. v. W. Ruppert (21993);
 H. Glaser: Industriekultur u. Alltagsleben. Vom Biedermeier zur Postmoderne (Neuausg. 1994);
 H. Kiesewetter: I. R. in Dtl. 1815-1914 (31996).

Universal-Lexikon. 2012.

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